Der rote Winkel
Ursprung und Missbrauch eines politischen Symbols.
Im Juli 1889 wurde bei der zweiten Internationalen der europäischen sozialistischen Arbeiterparteien der erste Mai des kommenden Jahres als Demonstrationstag zur Durchsetzung des 8-Stunden-Arbeitstages bestimmt. Dazu wurden Tausende rote Dreiecke aus Leder mit der Aufschrift „1er Mai – 8 Heures de Travail“ produziert.
Die drei Seiten dieses Roten Dreiecks standen für 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf.
Illustration: Wikipedia open common, Artikel siehe unten
Der Rote Winkel wurde ab 1937 von den Nazis als Kennzeichnungssymbol für politische Häftlinge in den Konzentrationslagern verwendet. Ob das ein absichtlicher Missbrauch war oder Zufall, können nur Historiker klären. Dieser Winkel wurde auf der Häftlingskleidung mit der Häftlingsnummer angebracht, ein Prozess der Entmenschlichung. Er war ein Teil des rassistischen Kategorisierungssystems der SS. Der Rote Winkel mit darunterliegendem gelben Winkel war die Kennzeichnung für Juden, der Schwarze Winkel für Asoziale, manchmal auch für Sinti und Roma, der Rosa Winkel für Homosexuelle, der Lila Winkel für Zeugen Jehovas.
Die politischen Gefangenen waren die ersten Opfer des NS-Regimes. Nach der Befreiung der Konzentrationslager wurde der Rote Winkel das Zeichen vieler Überlebenden-Vereinigungen wie die Amicale in Frankreich, der VVN-BdA oder auch der LAG Buchenwald. Der Sicherheitsdienst des Museums Auschwitz-Birkenau hat den roten Winkel in seinem Emblem. Die Überlebenden trugen den roten Winkel nach der Befreiung mit Stolz als ihr Zeichen für ihren Überlebenskampf gegen das Mordregime der Nazis.
Fotos: Nils Oskamp
Bei dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 benutzten die Terroristen den roten Winkel, um ihre jüdischen Opfer in den Videos zu markieren. Ein rotes Dreieck befindet sich auch in der palästinensischen Flagge. Nach dem Angriff der israelischen Armee auf den Gazastreifen tauchte der Rote Winkel bei vielen Pro-Palästina-Demos auf, oft eilig an öffentlichen Plätzen hingesprüht. Damit begann eine Kontroverse: Dieses Symbol wurde als antisemitisch und israelfeindlich als „Hamas-Dreieck“ umgedeutet. Das Bundesinnenministerium stellte mit Rundschreiben vom 31. Oktober 2024 klar: Die Verwendung des roten Dreiecks im Kontext der Hamas ist nach §86a StGB strafbar. Es handelt sich ausdrücklich um kein generelles Verbot des Roten Winkels, sondern gilt nur bei eindeutigem Hamas-Bezug. Wir haben daraufhin das Logo von „Gedenkstätten der NS-Verbrechen“ mit einem gelben Winkel für die zweite Auflage des Begleitheftes hinterlegt, um unsere Verbundenheit zu den jüdischen Opfern des Holocaust zu unterstreichen.
Foto: Amadeu Antonio Stiftung, Artikel siehe unten
Der Holocaust war ein bürokratisch geplantes, europaweit organisiertes Vernichtungsprogramm: angefangen mit Karteikarten in den Büros in den Provinzen der besetzten Gebiete, über die Ämter in der Reichshauptstadt bis zum SS-Mann an der Laderampe von Auschwitz-Birkenau. Seine Singularität als industriell betriebener Völkermord ist historisch unbestreitbar und darf durch keinen politischen Konflikt der Gegenwart relativiert werden: weder durch Vergleiche mit Gaza noch durch Hinweise auf die Rheinwiesen-Lager.
„Wenn Rechtsradikalismus mit Nationalismus und Militarismus zu Macht kommt, führt das oftmals zu Krieg.“
Nils Oskamp
Viele Organisationen, die im Kontext des Gedenkens der Opfer der NS-Verbrechen tätig sind, haben inzwischen Appelle veröffentlicht, dass der Rote Winkel in seine bisherige Bedeutung zurückgeholt werden muss. Dem schließen wir uns an. ¡No pasarán! (Dolores Ibárruri, Spanischer Bürgerkrieg 1936)
Nils Oskamp, Mai 2026
Weiterführende Quellen
Wikipedia: Der Rote Winkel als Häftlingsabzeichen in den NS-Konzentrationslagern
Belltower News: Alarmstufe Rotes Dreieck – Antisemitismuskritik als Feind
Belltower News: Antisemitismus 2024 – Angriffe auf Erinnerung, das rote Dreieck und Gewalt
LAG Buchenwald-Dora e.V.: Angriff auf den „roten Winkel“
ZDF heute: BMI-Rundschreiben vom 31.10.2024 – Rotes Dreieck im Hamas-Kontext nach §86a StGB verboten