Quelle: ARTE Journal vom 25.07.2016 (ca. 2 Min)
Die Geschichte von Drei Steine
„Drei Steine" ist eine wahre Geschichte. Nils Oskamp war Schüler in Dortmund. Ein Mitschüler leugnete den Holocaust. Nils sagte seine Meinung gegen Nazis. Dafür wurde er verfolgt und fast getötet.
Quelle: Offizieller Trailer zum Buch (ca. 1,5 Min)
Kleine Steine auf Gräber zu legen ist eine jüdische Tradition. So erinnert man sich an die Toten.
Neonazis haben in der Geschichte einen jüdischen Friedhof zerstört. Nils hebt dort drei Steine auf. Jeder Stein bekommt eine Bedeutung:
Der erste Stein: Selbstverteidigung.
Der zweite Stein: Nils entscheidet sich gegen Gewalt.
Der dritte Stein: Erinnerung an die Toten. Nils legt ihn in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nieder.
Die Geschichte beginnt mit einem Albtraum. Nils träumt immer wieder von der Gewalt. Solche Albträume sind ein Zeichen für eine Krankheit. Sie heißt Posttraumatische Belastungsstörung. Kurz: PTBS.
PTBS bekommen Menschen, die etwas Schlimmes erlebt haben. Nils Oskamp hatte PTBS — viele Jahre lang.
Rechte Gewalt hat seit 1990 über 200 Menschen in Deutschland getötet. Tausende Menschen wurden verletzt oder bedroht. Viele von ihnen haben eine PTBS. Eine Therapie kann helfen.
Dortmund-Dorstfeld war ein Stadtteil mit vielen Arbeitern. Viele Menschen hatten keine Arbeit.
Dort gab es die Borussenfront. Das waren gewalttätige Fußball-Hooligans. Sie waren rechtsextrem. Ihr Anführer war Siegfried Borchardt. Sein Spitzname: „SS-Siggi".
Es gab auch Kameradschaften. Das waren Gruppen von Neonazis. Alte Nazis aus der Hitler-Zeit haben junge Leute angeworben. Ein alter SS-Offizier suchte an Schulen neue Mitglieder.
So konnte das an einer normalen Schule passieren: Lehrer schauten weg. Mitschüler hatten Angst. Niemand half Nils.
Quelle: Landeszentrale für politische Bildung NRW (ca. 22 Min)
Diese Dokumentation zeigt die Hooligan-Szene in Dortmund und auf Schalke. Sie ist von der Landeszentrale für politische Bildung NRW. Im Video ist auch Siegfried Borchardt zu sehen — einer der Täter aus „Drei Steine".
Der Holocaust heißt auch Shoah. Das war die Ermordung der europäischen Juden, Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten. Über sechs Millionen Menschen wurden getötet.
Den Holocaust zu leugnen ist in Deutschland verboten. Es ist eine Straftat (§130 Strafgesetzbuch). Auch Nazi-Symbole wie das Hakenkreuz zu zeigen ist verboten.
Quelle: SWR Kindernetz (ca. 10 Min) — Was war ein Konzentrationslager? Kindgerecht erklärt, ab 6 Jahren. Das Video läuft direkt beim Kindernetz:
▶ Video beim Kindernetz ansehen
Quelle: MrWissen2go Geschichte | Terra X (ca. 14 Min) — Der Holocaust
Quelle: MrWissen2go Geschichte | Terra X (ca. 14 Min) — Leugnung des Holocaust
Neonazis gibt es auch heute noch. Sie haben neue Namen und neue Wege:
Neonazi-Kameradschaften: Gruppen, die sich privat treffen. So wie damals beim alten Fritz.
Identitäre Bewegung (IB): Sie sehen modern aus. Aber sie verbreiten Hass gegen Menschen.
JN (Junge Nationalisten): Die Jugend-Gruppe einer rechtsextremen Partei.
Das Internet: Heute werben Rechtsextreme junge Leute online an. Über Telegram, TikTok und Discord-Server. Sie wirken erst freundlich. Dann kommt der Hass.
Quelle: Kampagne „Gesicht Zeigen!" (ca. 3 Min)
Rechte Akteure machen gezielt Inhalte für Schülerinnen und Schüler. Sie sehen erst harmlos aus:
Auf TikTok und Instagram: Witzige Memes, coole Musik, Fitness- und „Männlichkeits"-Videos. Erst später merkt man: Dahinter steckt Hass. Der Algorithmus zeigt dir immer extremere Videos, wenn du dranbleibst.
In Gaming-Chats und auf Discord: Erst wird zusammen gezockt. Dann kommen „Witze" über Minderheiten. Wer mitlacht, gehört dazu — so fängt es an.
In der WhatsApp-Klassengruppe: Hakenkreuz-Sticker, „lustige" Hitler-Videos, rassistische Kettennachrichten. Wichtig zu wissen: Auch im Klassenchat ist das strafbar (§86a und §130 Strafgesetzbuch) — schon das Weiterleiten kann eine Straftat sein. Die Polizei ermittelt regelmäßig wegen solcher Chats an Schulen.
Was du tun kannst: Nicht weiterleiten. Screenshot machen (zur Dokumentation). Einer Lehrkraft oder deinen Eltern zeigen. In der Gruppe widersprechen oder die Person melden und blockieren.
🎯 Quiz: Geheime Zeichen erkennen
Nazis benutzen oft geheime Zeichen und Zahlen. Klicke auf eine Karte. Dann siehst du, was das Zeichen bedeutet.
Denk mal nach — sprecht darüber
Es gibt keine falsche Antwort. Sprecht in der Klasse darüber: Hättest du auch deine Meinung gesagt? Hättest du Hilfe geholt? Bei wem?
Hast du schon mal Mobbing, Hass-Sprüche oder Ausgrenzung erlebt? Was ist passiert? Wer hat geholfen — und wer nicht?
Nils war lange allein. Erst sein Freund Thomas half ihm. Warum trauen sich viele Menschen nicht, etwas zu sagen? Was macht Mut?
Wie Radikalisierung funktioniert — damals und heute
In „Drei Steine" versuchen der alte Fritz und Skinhead Erwin auf dem Kirmesplatz, zwölfjährige Jungs anzuwerben. Die Einladung zum Kameradschaftsabend wirkt zunächst harmlos: Musik, Bier, Gemeinschaft, ältere „Kumpel", die einen ernst nehmen. Erst dort findet der „Gesinnungsunterricht" statt — Menschenhass wird geschürt, Hitler verehrt. Thomas erlebt das als Spion für Nils aus erster Hand.
Das Muster der Radikalisierung: Einsamkeit → Zugehörigkeit → Ideologie → Aktivierung. Angeworben wurden gezielt Jugendliche, die Anschluss suchten. Die Ideologie kam erst, als die emotionale Bindung an die Gruppe stand.
Derselbe Mechanismus — neue Kanäle:
Gaming und Discord: Der Einstieg wirkt „harmlos": gemeinsames Zocken, Voice-Chats, Insider-Witze. Schrittweise werden Grenzen verschoben — erst ironische Anspielungen, dann offene Ideologie.
TikTok-Algorithmus: Wer mit scheinbar harmlosen Inhalten (Fitness, „Männlichkeit", Heimat-Ästhetik) interagiert, bekommt automatisch radikalere Varianten davon angezeigt — bis zur rechtsextremen Filterblase.
Telegram-Gruppen: Geschlossene Räume ohne Moderation, in denen Verschwörungserzählungen und Gewaltfantasien ungebremst zirkulieren.
Der Kirmesplatz von 1985 ist heute überall — im Handy jeder Schülerin und jedes Schülers.
Der Radikalisierungspfad — sechs Stationen
Radikalisierung ist ein schleichender Prozess. Klicke die Stationen an, um zu sehen, was an jedem Punkt passiert.
1 — Erster Kontakt
Über Musik, Sport oder Gaming entsteht der erste Kontakt zur Szene — unpolitisch und unverdächtig. 1985: das Konzert, der Kirmesplatz. Heute: der Discord-Server, der TikTok-Kanal.
2 — Gemeinschaftsgefühl
„Die verstehen mich." Die Gruppe bietet, was fehlt: Anerkennung, Schutz, Identität. Diese emotionale Bindung ist der eigentliche Klebstoff — nicht die Politik.
3 — Erste Ideologieinhalte
Ideologie kommt als Witz getarnt: Memes, „Ironie", Provokation. Wer lacht, gehört dazu. Wer widerspricht, ist „empfindlich". Grenzen verschieben sich unbemerkt.
4 — „Wir gegen die"
Die Welt wird in Freund und Feind geteilt: „das System", „die Medien", „die Ausländer". Feindbilder erklären scheinbar alle Probleme — und schweißen die Gruppe zusammen.
5 — Überzeugung
Aus Provokation wird Weltanschauung. Widersprechende Informationen werden abgeblockt, der Freundeskreis besteht nur noch aus der Szene. Ausstieg wird immer schwerer.
6 — Aktivierung
Die Ideologie fordert Taten: online (Hetze, Drohungen, „Doxxing") und offline (Aufmärsche, Einschüchterung, Gewalt). In „Drei Steine" endet dieser Weg in zwei Mordanschlägen.
Reflexionsfrage
Geht die sechs Stationen durch: Wo hätten Eltern, Lehrkräfte, Freunde oder Plattformen eingreifen können? Warum wird ein Eingreifen mit jeder Station schwieriger? Und: Wer hätte bei Andreas — dem Täter aus „Drei Steine" — intervenieren müssen?
Verschwörungserzählungen, KI-Slop und Desinformation im Netz
Das Grundmuster ist immer gleich: Komplexes Problem → einfacher Schuldiger → „Geheimwissen". Wer daran glaubt, fühlt sich überlegen („ich durchschaue, was andere nicht sehen") — und hat einen Sündenbock für alles.
Die historische Linie zieht sich bis heute: mittelalterlicher Antisemitismus (Brunnenvergiftungs-Legenden) → Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg → NS-Propaganda von der „jüdischen Weltverschwörung" → QAnon → „Großer Austausch" → „Remigration". Die Namen ändern sich, das antisemitische Grundmuster bleibt.
🎯 Mythos oder Fakt?
Fünf Aussagen — was stimmt, was ist Verschwörungserzählung? Klicke auf eine Aussage, um die Auflösung zu sehen.
Die Erzählung vom jüdischen Milliardär, der heimlich Migration steuert, ist eine modernisierte Form der antisemitischen „Weltverschwörungs"-Propaganda — dasselbe Muster wie in der NS-Zeit, nur mit neuem Namen.
Der „Nationalsozialistische Untergrund" ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Gewerbetreibende mit Migrationsgeschichte und eine Polizistin. Die Behörden verdächtigten jahrelang die Familien der Opfer statt der rechtsextremen Täter.
Die Behauptung, „Eliten" wollten die europäische Bevölkerung gezielt „austauschen", ist wissenschaftlich haltlos — und diente bereits mehreren rechtsterroristischen Attentätern (Christchurch, Halle, Hanau) als Rechtfertigung.
Belegt durch Ermittlungen und Gerichtsverfahren: rechtsextreme Chatgruppen bei Polizei und Bundeswehr, das Netzwerk um „NSU 2.0"-Drohschreiben, die Gruppe um Prinz Reuß. Auch in „Drei Steine": Die Polizei ermittelte nicht, der Nazi-Anwalt Jürgen Rieger schützte die Täter.
KI-Systeme können Falschinformationen erzeugen („halluzinieren") und werden gezielt zur massenhaften Produktion von Desinformation missbraucht. KI-Antworten klingen überzeugend — das macht sie gefährlich. Quelle prüfen gilt auch hier.
Definition: KI-Slop ist massenhaft, automatisch generierter Inhalt — Bilder, Texte und Videos, die Künstliche Intelligenz in Sekunden erstellt und die bewusst zur Desinformation (gezielte Verbreitung falscher Informationen) eingesetzt werden.
Woran erkenne ich KI-Slop?
Outrage-Funktion: Empörung erzeugt maximale Interaktion — Kommentare, Shares, Reaktionen. Maximale Interaktion bedeutet maximale Reichweite. Rechtsextreme Inhalte sind deshalb absichtlich empörend designt: Der Algorithmus belohnt sie dafür.
Filterblasen: Der Algorithmus zeigt mehr von dem, womit du interagierst — auch von dem, worüber du dich nur aufregst. Wer radikale Inhalte kommentiert („um dagegenzuhalten"), bekommt mehr davon.
Radikalisierung (UE 2) und Desinformation greifen hier ineinander: Der Algorithmus liefert die Inhalte, die Verschwörungserzählung liefert das Weltbild.
Video: KI und Desinformation
Quelle: ntv Faktenzeichen (ca. 12 Min) — Wie KI-generierte Fake-Videos andere KIs manipulieren
Selbst ausprobieren
Teste dein Wissen im Gespräch mit dem KI-Propaganda Detektiv — einem Übungs-Chatbot, der mit dir Desinformations-Beispiele analysiert:
Ich brauche Hilfe
Gib deine Stadt, deinen Landkreis, deine Postleitzahl oder dein Bundesland ein — du bekommst drei Antworten:
- Hilfe für Betroffene rassistischer und rechter Gewalt (Opferberatung — kostenlos, vertraulich, auf Wunsch anonym)
- Mobile Beratung Rechtsextremismus (Prävention gegen lokale rechte Strukturen — für Vereine, Schulen, Kommunen, Engagierte)
- Hilfe beim Ausstieg aus rechten Strukturen (Ausstiegs- und Distanzierungsberatung, auch für Angehörige)
Beispiele: „44135", „Hof", „Erzgebirgskreis" oder „Sachsen". Die Postleitzahl funktioniert für jeden Ort. Angaben ohne Gewähr — jede Stelle verweist im Zweifel an die richtige weiter.
Grundregeln, wenn etwas passiert
Bring dich nicht in Gefahr — deine Sicherheit ist das Wichtigste. Schütze deine körperliche Unversehrtheit und bring dich aus Gefahrensituationen heraus. Suche einen sicheren Ort auf: ein Geschäft, ein Café, eine belebte Straße.
Im Notfall Polizei (110) oder Feuerwehr / Krankenwagen (112) anrufen. Bei Verletzungen oder akuter Gefahr — etwa durch Waffen — zählt jede Sekunde.
Zeugen und Beweise sichern. Fotos von Verletzungen, Schäden, Schmierereien und vom Tatort machen. KFZ-Kennzeichen von Tätern notieren, Kontaktdaten von Zeuginnen und Zeugen aufnehmen.
Schicke einer Vertrauensperson über einen Messenger ein Protokoll. Als Sprachnachricht: Was ist wann, wo und durch wen passiert? Dazu die Fotos aus deiner Beweissicherung. Ein Chat-Protokoll im Messenger hat juristische Protokollrelevanz, denn mit den Fotos werden auch Geo- und Zeitstempel mitgesendet.
Solidarische Menschen um Hilfe fragen. Sprich Umstehende direkt und konkret an: „Sie im roten Mantel — bitte helfen Sie mir, rufen Sie die Polizei."